09/1 Werner Hartmanns 10 Thesen zur Zukunft von Computer und Internet an Schulen

Kategorie: Lernen    Von miriam um 11:31
In der Zeitschrift Folio ( Nr. 6/08, S. 36 bis 39) herausgegeben vom BCH | FPS, habe ich in der Nummer 6/08 Werner Hartmanns Artikel zu «Computer, Internet und Schulen in 20 Jahren» entdeckt. Hartmann formuliert als ausgewiesener Experte für Bildungsinformatik 10 hochinteressante Thesen. Deshalb möchte ich seine Thesen hier kurz zusammenfassen. Allenfalls werde ich an anderer Stelle auf die eine oder andere Aussage des Autors noch ausführlicher eingehen.

Werner Hartmann
Computer, Internet und Schulen in 20 Jahren: 10 Thesen


These 1 – In wenigen Jahren ist das Internet die Festplatte.
Sollen Schulen eigene Server betreiben? Macht das heute noch Sinn? Ist die Datensicherheit bei externen Hostern gut genug?

These 2 – In wenigen Jahren kommen die meisten Programme aus der Steckdose.
Wie der Strom aus der Steckdose irgendwann auch selbstverständlich wurde, werden künftig auch Programme, die bisher lokal auf der eigenen Festplatte liefen, im Web zur Verfügung stehen und auch genutzt. Stichwort: Cloud Computing. Programme stehen dem Bildungsbereich meist kostenlos zur Verfügung.

These 3 – In zehn Jahren spricht niemand mehr von den heutigen Lernplattformen.
Zitat: «Heutige Lernplattformen bilden gängige Schulstrukturen ab (...) Investitionen in starre, oft proprietäre und zentralistisch ausgerichtete Lernplattformen sollten deshalb heute kritisch hinterfragt werden.»

These 4 – Notebooks in den Schulen sind in fünf bis zehn Jahren Alltag.
Computer werden mobil, der Computer kommt zum Nutzer, nicht mehr umgekehrt. Das Notebook sollte heute ein ständiger Begleiter von Schüler/innen ab Sekundarstufe sein. «Deshalb sollen Schulen nicht mehr in aufwändige Infrastruktur investieren und Computerräume installieren. Gefragt sind aber didaktische und methodische Konzepte zur überzeugenden Nutzung der ICT-Werkzeuge im Unterricht. Hier besteht auf allen Schulstufen grosser Handlungsbedarf.»

These 5 – Schulen ans Netz? In wenigen Jahren sind alle Schülerinnen und Schüler permanent im Netz.
Schülerinnen dürfen das Internet nur unter hohen Sicherheitsvorkehrungen nutzen. Oft wird die Nutzung deshalb geradezu verhindert. Statt den Internetzugang der Schulen einzuschränken sollte man aber heute im Rahmen einer «medienpädagigischen Allgemeinbildung» (für alle) den verantwortungsbewussten Umgang mit dem Internet und seinen Angeboten thematisieren.
Schliesslich stellt sich schon die Frage, wie die Schule damit umgehen wird, dass in Zukunft viele Städte flächendeckend offene WLANs angbieten werden? SchülerInnen werden mindestens per Handy «ihr» Internet sowieso stets dabei haben.

These 6 – Die Informationsbeschaffung wird sich nochmals massiv verändern.
Informationskompetenz wird eine neue Schlüsselkompetenz der Zukunft. Heute geben wir uns mit den ersten Treffern von Google zufrieden, wenn wir «recherchieren». Dass dies keine tiefgehende Recherche sein kann, liegt auf der Hand. Tagging und Folksonomy verändern und komplizieren die Recherche deshalb, weil nicht mehr einfach klar ist, unter welchen Stichworten bestimmtes Wissen irgendwo abgelegt wurde. Schulen müssen also auch dafür sorgen, dass die Lehrpersonen selbst über hohe Informationskompetenz verfügen. So sind also nicht Fertigkeiten bei der Bedienung von Software ist gefragt, sondern Konzeptwissen, das weiter gegeben werden kann.

These 7 – In wenigen Jahren ist die Wikipedia allgemein akzeptiert.
Heute scheint sich die Akademie einig zu sein: Wikipedia ist in wissenschaftlichen Arbeiten nicht zitierfähig. Immerhin scheinen unabhängige Untersuchungen nun zu bestätigen, dass die Qualität der Einträge in Wikidpedia immer besser wird. Das inhaltliche Angebot entwickelt sich kontinuierlich weiter. Besonders als Einstieg in eine Recherche eignet sich Wikipedia. Man sollte vielmehr eine kritische Haltung fördern und Lernende befähigen, sich zu den Inhalten begründete Meinungen zu bilden. Quellenkritik gehört laut Hartmann heute zum Bildungsauftrag der Schulen.

These 8 – Die Schule der Zukunft wird weniger textlastig sein.
Jugendliche und Kinder benutzen heute mehr Computer, Internet und Fernseher (wobei ich letzteres mal in Frage stellen möchte, ganz generell, da das Durchschnittsalter der SF-TV-Konsument/innen bei etwa 56 Jahren liegt, Kinder dieses Durchschnittsaltern aber doch meiner Meinung nach deutlich senken müssten) als Bücher, Zeitungen und Zeitschriften.
Schule muss Eigenschaften, Stärken und Schächen verschiedenen Medien aufzeigen und den kompetenten Umgang damit üben.

These 9 – Gedruckte Lehrmittel sind zu teuer und werden durch elektronische abgelöst.
Der Druck von Lehrmitteln dürfte in Zukunft teuer werden. Auch aus ökologischer Sicht könnte es Sinn machen, vermehrt auf Papier zu verzichten. Für Lehrmittel dürfte künftig kein Weg mehr an E-Books vorbei führen.

These 10 – Es geht alles viel schneller, als man denkt. Aber vieles bleibt auch beim Alten.
Die Gesellschaft verändert sich momentan grundlegend und mit ihr ihre Kommunikationsgepflogenheiten. Die Handhabung dieser neuen kommunikationsformen sind wohl nicht das Problem der Jugend, aber Begleitung im Erlernen einer kompetenten Nutzung, inklusive Medienkunde und -kritik sowie Schutz vor Missbrauch sind sehr wohl Aufgabe der Schule. Dennoch: «Will die Schule dem Anspruch gerecht werden, ihre Lernenden auf die Anforderungen der Informationsgesellschaft vorzubereiten, muss sie sich mit den Veränderungen heute und nicht erst morgen auseinandersetzen.»

Und…
Lernen bleibt aber ein komplexer und anstrengender Prozess, den einem niemand abnimmt. Nach wie vor wird der Mensch im Zentrum stehen. Etwas anderes behauptet natürlich niemand.





Kommentare

Hanspeter Füllemann - http://www.edublog.ch
2009-01-09 20:40:47

Interessante Thesen. Ich bin gespannt, was sich da konkret entwickeln wird. Vor allem die These 5 wird sicher bald wahr und viele Schulbereiche beeinflussen.

Miriam Fischer
2009-01-10 10:31:28

Lieber Hanspeter

Ich möchte betonen, dass dies natürlich ausser in den Zitaten nicht Werner Hartmanns Wortlaut ist. Ich habe die Thesen zusammengefasst. Es lohnt sich, diese im Original zu lesen, sie sind ausführlicher. In der ersten These z. B. stellt er nicht nur Fragen, sondern sagt, dass es sich irgendwann nicht mehr lohnen wird, eigene Server zu betreiben.

Ich habe hier einige Zitate noch weg gelassen, weil ich mir vielleicht noch speziell meine Gedanken dazu machen möchte. Von mir aus gesehen gibt es schon die eine oder andere Passage mit etwas Sprengstoff für die Schule.

Leider gibt es noch kein PDF dieser Nummer im Archiv der Zeitschrift. Ein Umstand, der sich wohl auch in näherer Zukunft ändern sollte, da wir uns schon gewohnt sind, auf Inhalte sofort zugreifen zu können. So eine Papiernummer scheint da leider schon sehr umständlich.

Gruss, Miriam

Urs Ingold - urs.ingold [at] phzh.ch
2009-01-12 14:38:05

Danke für den Hinweis auf die Thesen! Ich habe das Heft gleich bestellt. Bin gespannt auf eine Diskussion, speziell zur These 3 (Lernplattformen).
Beste Grüsse, Urs (PHZH E-Learning)

Michael Reschke - reschke.michael [at] gmail.com - http://unity.zum.de/blogs
2009-01-14 16:53:48

http://unity.zum.de/blogs

Kein Interesse den Beitrag auch bei

http://unity.zum.de/blogs

zu posten. Eine kostenlose Anmeldung bei Unity.zum.de wäre nötig. Bei der Unity könnten aber deutlich mehr Nutzer auf den Beitrag zugreifen. Das ist hochinteressant.

Lisa Rosa - erosa [at] gmx.net - http://lisarosa.twoday.net
2009-01-21 14:52:13

Vielen Dank für den Literaturtip und v.a. für die Zusammenfassung der 10 Thesen. Ich finde sie überhaupt nicht abseitig, im Gegenteil, sie bilden ab, was man eigentlich an 10 Fingern abzählen könnte. Auch die These 3 halte ich für viable, sie beruht auf der Erkenntnis, das das Internet das Lernen verändert. Nur für eine Übergangszeit - in der wir jetzt wohl sind - erscheint dabei das Neue zunächst noch im gewohnten alten Gewand - eben wie die ersten Eisenbahnwagen und Autos die Form einer Kutsche hatten ...
Allerdings halte ich gerade für These 3 (im Unterschied zu den anderen, eher technischen Punkten) die 20 Jahre Entwicklungszeit für zu kurz gegriffen:
denn nichts hält so hartnäckig am Alten fest, wie das Erziehungssystem - zumindest in Deutschland.

Miriam Fischer
2009-01-21 22:27:09

Hallo Lisa
Ich denke 20 Jahre sind heute sehr sehr lange. Ich befasse mich seit mehr als 10 Jahren hauptberuflich mit dem Internet, wenn auch aus verschiendenen Blickwinkeln. Da liegen aber Welten zwischen 1997 und 2009! Ich glaube im Gegenteil, dass 20 Jahre in der alten Zeitvorstellung bzw. in unserem alten Tempo von vor 10 Jahren - das ist immerhin schon Ende 90er Jahre! - real bereits in 5 Jahren sein könnten. Hallo Beschleunigung!
Miriam

Nando Stöcklin - nando.stoecklin [at] phbenr.ch - http://www.phbern.ch/mitarbeitende/nando-stoecklin/
2009-02-09 10:37:08

Der Artikel von Werner Hartmann gibt es hier als pdf:
http://campus.phbern.ch/fileadmin/CAMPUS/04_ZBI/Aktuell/WernerHartmann-ComputerInternetundSchulen.pdf

Miriam Fischer
2009-02-09 11:09:43

Vielen Dank für diesen wertvollen Hinweis.
Miriam Fischer

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